Zwei Sekunden Paris, Place Vendôme 1958

Mit das Schönste an meiner Arbeit als Fotografin ist, dass ich mit jedem Bild, das während einer Reportage ensteht, etwas verbinde. Einige Momente und deren Bilder haben für mich besonderen Wert, fallen irgendwie genau in mein Herz. In der Rubrik  „Lieblingsmomente“ möchte ich Euch dann und wann ein paar dieser Bilder zeigen und etwas darüber erzählen. Manchmal sind diese Bilder mit meinen eigenen Erinnerungen verknüpft, manchmal rühren sie mich oder setzen ein bestimmtes Gefühl frei. Ich weiß selbst noch nicht genau, welche Geschichten hinter den Bildern stecken. Das wird sich erst beim Schreiben zeigen. Also ergründen wir zusammen die Bilder, was sie mir bedeuten und worin ihr besonderer Wert für mich liegt.

Welches Bild den Anfang machen wird, war irgendwie sofort klar. Für mich ist es eine der schönsten Fotografien, die ich bis jetzt machen durfte.

Die Trauung war vorbei, das anschließende Gratulieren auch. An Katrin und Fabians Hochzeit regnete es viel. Es war Ende Juli, manche Tage waren zu heiß, an anderen Tag fiel vom Himmel, was runter musste. Das Brautauto der Beiden war ein alter cremefarbener Oldtimer mit schwarzem Cabriolet-Verdeck. Ich weiß noch, dass ich Katrin kaum sah, so viele Schirme um sie herum, damit ihr Kleid nicht nass wird. Trotzdem wollte ich den Moment nicht verpassen, wenn sie ins Auto steigt. Ihr schöner, weißer Tüllrock, das alte Auto mit cognacfarbenen Ledersitzen. Ihre Freundinnen halfen ihr ins Auto, drückten die vielen Meter Stoff hinein. Jemand hielt ihr die Tür auf. Ein Gewusel an Schirmen, Stimmen, Menschen. Dazwischen Katrin. Ich hatte es gerade so geschafft mit meiner Kamera durch die Schirme hindurch zu kommen, um diesen Moment einzufangen.

Wie behutsam Katrin ihr Kleid zurecht streift. Ihre Hände versinken fast im weißen Tüll. Ich mag, wie das Licht ihr Gesicht nur ganz leicht streift und die Kontur betont. Man spürt ihre Aufregung. Gleichzeitig ist da Ruhe – die Ruhe des Moments, wenn auch nur für ein paar Sekunden. Etwas Zeit dazwischen. Nach der emotionalen Trauung, den vielen Umarmungen und vor dem Realisieren, was an diesem Tag stattfindet.

Eine Hand, die die Tür aufhält. Regentropfen, die auf dem Fenster liegen. Für einen Moment sind wir in Paris, vielleicht 1958, vielleicht 1993. Irgendwo auf dem Place Vendôme. Katrin, so anmutig und schön – an ihrem Finger der Ring, der bleibt. Ich stelle mir vor, wie Katrin sich viele Jahre später dieses Bild ansieht. Wie jemand sie fragt, wo es entstanden ist. Stelle mir vor, wie sie vom Regen erzählt und dass er letztlich keinen Unterschied gemacht hat, wie schön dieser Tag für sie war. Dass sie sich erinnert, wie glücklich und aufgeregt sie war. Gleich schließt sich die Autotür, dann fahren sie gemeinsam los. Der Beginn von etwas Großem. Die Schönheit eines Moments, so zart und vergänglich. Mittendrin ist Katrin – zeitlos elegant, stark und wunderschön.  Und auch wenn irgendwann Jahrzehnte vergehen, dieser Moment bleibt.

Dafür liebe ich die Fotografie.

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